Als ich das erste Mal von Fritz Wießner (1) hörte, saß ich gemütlich auf dem Sofa meines besten Freundes. Die Achtziger Jahre waren gerade angebrochen. Wir gingen in Ostberlin zur Schule und waren beide begeisterte Kletterer, obwohl man in Berlin nicht viel über das Klettern erfahren konnte. Ein zweibändiger Elbsandsteinkletterführer (2) von 1969 und das Buch „Klettern im sächsischen Fels“ von Karl Däweritz, das war alles was wir hatten, um unsere Träume hoch fliegen zu lassen, und in diesen Büchern, tauchte auch Fritz Wießner mit seinen Erstbegehungen immer wieder auf.
Wir wollten all die berühmten Klassiker der dort genannten Helden klettern, und es gab für mich keinen Zweifel, dass wir auch schaffen konnten, wovon wir im bergfernen Berlin träumten. Der schwerste Weg im Däweritz war damals die Superlative von Onkel Bernd (3), und auch die würden wir eines Tages abgehakt haben.
Die ersten Kletterwochenenden, die wir im Elbsandsteingebirge verbrachten, erweiterten unsere Wunschlisten noch einmal gewaltig. Es gab so viele schöne Türme und so viele große Wände, und alle wollten von uns erobert werden!
Es war wahrscheinlich im Frühjahr des Jahres 1983 als ich am Großen Spitzen Horn zum ersten Mal unter einem der berühmten Wießner-Risse (4) stand. Glatt zog der Riss durch die unstrukturierte Mauer, und ich stufte ihn für mich als unkletterbar ein. Das Ding war gruselig und wahnsinnig schön zugleich. Ich wollte da hoch, und wusste gleichzeitig, dass ich eher die Superlative klettern würde als diesen Riss. Ich war angezogen und abgestoßen zugleich. Was an diesem Tag überwog, kann ich nicht mehr sagen, aber geblieben ist das Gefühl aufrichtiger Bewunderung. Fritz Wießner wurde meine persönliche Nummer Eins unter unseren Vorbildern. Dass er 1929 nach Amerika ausgewandert war, verstärkte meine Gefühle für diesen außergewöhnlichen Kletterer nur. Amerika war für uns unerreichbar, und damit weit weg ins Reich unserer Träume verbannt.
Ab wann es Wiessner wieder nach Sachsen zum Klettern zog, weiß ich nicht genau, aber er besuchte das Elbsandsteingebirge damals ganz regelmäßig einmal im Jahr. Es muss eine von Fritz Wiessners letzten Felsfahrten in die Sächsische Schweiz gewesen sein, als ich Mitte der Achtziger Jahre das Glück hatte, ihn persönlich beim Klettern im Bielatal beobachten zu dürfen. Er stieg damals eine leicht geneigte Route in der Bergseite des Schiefen Turmes (5) nach. Und obwohl er da schon weit über achtzig Jahre alt war, sah es so leichtfüßig und entspannt aus, dass ich meine Bewunderung für diesen Ausnahmekletterer bestätigt fand. Umso mehr wollte ich irgendwann sagen können, dass ich einen Riss von Fritz Wiessner geklettert bin.
Der Schiefe Turm im Bielatal im Elbsandsteingebirge
Ich kletterte bereits im oberen Achten Sachsengrad, und hatte noch immer nicht den Schneid, einen der Wießner-Risse zu probieren, die mit 7c zwar deutlich leichter bewertet, aber gleichzeitig auch viel anspruchsvoller waren als die moderneren Achter.
Ende der Achtziger-Jahre kletterte ich dann im oberen Neunten Sachsengrad, und hatte noch immer nicht den Mut, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Der Schwierigkeitsgrad ist ein unbedeutender Aspekt, wenn man den moralischen Anforderungen einer Route nicht gewachsen ist. Aber das Schicksal meinte es gut mit uns jungen Kletterern aus der DDR, die schon kurze Zeit später nicht mehr existierte. Endlich waren wir frei! Ich zog ins Frankenjura, wurde sehr schnell besser, kletterte weltweit und immer schwerer, lernte neue Vorbilder kennen, und vergaß Fritz Wiessner für eine Weile, bis es mich im Jahr 2001 in den Staat New York verschlug.
In New York gilt ein generelles Kletterverbot. Ausnahme sind die ausdrücklich genehmigten Klettergebiete, für die es gute Kletterführer gibt und auch damals schon gab. Und hier, im Mai 2001 in den Vereinigten Staaten, trat Fritz Wiessner wieder in mein Leben. In den Shawangunks (6) war er überall präsent. Hier hatte er mindestens fünfzig Routen erschlossen, alle im sächsischen Stil (7) und viele davon wunderschön. Allerdings waren die Routen in den Gunks6 nicht mit den Sachsen-Klassikern vergleichbar. Die Gebiete waren einfach zu verschieden, die Felsen viel niedriger, das Gestein fester und Klemmgeräte erlaubt. Als Erfüllung meines Wunsches, einen schweren Wiessner-Riss geklettert zu sein, konnte ich hier keine Route gelten lassen. Trotzdem ahnte ich damals, dass in New York meine Chance lag, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Eine Lösung schien hier in den USA möglich. Die Sachsenrisse von Wießner würde ich mich nie hochtrauen, aber wenn ich einen wirklich spektakulären Riss von ihm klettern könnte, den niemand kannte, den wir sozusagen neu entdeckten, dann wäre das für meine Seele ein akzeptabler Kompromiss, auf den ich stolz sein könnte, der meine Kletterlaufbahn mit der von Fritz Wiessner seelisch verbinden würde.
Eine ungefährliche Rat-Snake im Gneis von Cold Spring
Ich begann mich intensiver, mit der Person Fritz Wiessner zu beschäftigen. Das Internet machte es mir leicht. Der Unterschied zu unserer Ahnungslosigkeit im Ostberlin der Achtziger Jahre war gewaltig. Die Informationen, die im Netz verfügbar waren, eröffneten mir völlig neue Horizonte. Natürlich wusste ich auch von seinen alpinen Heldentaten, aber dass er den berühmten Devils Tower als Erster ohne künstliche Hilfsmittel bestiegen hatte, wusste ich bis dahin nicht, und dass er Ehrenmitglied der UIAA (8) geworden war, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht gewusst. Wiessner war eine Legende, und das nicht nur für mich. Mein Drang, ein seelisches Band zu diesem Mann zu knüpfen, wurde in diesen Tagen intensiver, aber ich fand irgendwann keine neuen Informationen mehr. Ich wollte ihm näherkommen, und fand keinen Ansatzpunkt. Es war zum Verzweifeln!
2002 und 2003 reiste ich wieder nach New York. Mein Freund Andy, bei dem ich damals wohnte, hatte herausgefunden, dass Wiessner, sehr unzufrieden damit gewesen war, dass es bis in die Gunks (9) so weit war. Es war plausibel, dass er die nächsten zur City gelegenen Berge durchstreift hatte, um Trainingsmöglichkeiten zu finden. West Point selbst war als abgeriegeltes Militärgelände für unsere Nachforschungen tabu, aber auf der anderen Talseite, gegenüber in Cold Spring, gab es ebenso große Felsen.
Andy kannte sich dort am Breakneck (10) gut aus, aber ob es Routen von Wiessner gab, und vor allem wie man die finden sollte, war uns trotzdem nicht klar. Das Kletterverbot an diesen Felsen, hatte zur Folge, dass es keine Informationen über die Klettereien gab, auch wenn sie existierten.
Andy beim Bouldern in Cold Spring
Es begann eine Zeit, die ich in meinem gesamten Kletterleben und in jeder Gegend der Welt liebte. Die Annäherung an die Seele eines Gebietes. Eine Annäherung an Geologie und Geographie, Flora und Fauna, und natürlich an die Menschen dort.
Auch wenn wir nicht genau feststellen konnten, seit wann das generelle Kletterverbot im Staat New York galt, fanden wir doch schnell heraus, dass sich die Eigentümer der Grundstücke, auf denen sich Felsen befanden, grundsätzlich nicht geneigt zeigten, fremde Menschen auf ihrem Boden zu dulden. Außerdem waren die Felsen im unteren Teil des Berges sehr glatt und meist risslos. Stieg man aber über die öffentlichen Trails höher auf den Berg hinauf, gliederte sich die Felsstruktur in viele kleinere Wände, die von der Stadt aus immer noch sehr schnell erreichbar, aber nicht mehr kontrollierbar waren. Wenn man sich nicht allzu blöd anstellte, war man hier für andere Menschen unauffindbar. Auch wurden die Formen der Gneisfelsen weiter oben am Berg sandsteinartiger. Es gab viel häufiger geneigte Reibungsplatten und gerissene Felsen. Wir waren uns sehr schnell sicher, dass wir unserem Ziel bereits ganz nah waren. Diese Felsen erinnerten uns sehr an die Heimat. Sie hatten den ausgewanderten Sachsen bestimmt angezogen.
Die Tage weit oberhalb des Hudson Rivers waren paradiesisch. Wir boulderten und kletterten von früh bis spät, und dann eines Tages standen wir vor einer Wand, die das Ziel meiner Träume werden sollte. Nur knapp zehn Meter hoch, geneigt und von einer perfekten Rißspur durchzogen. Diese Linie hätte in den 30er und 40er Jahren kein Amerikaner klettern können. Da war ich mir sicher. Und später gab es bessere Sicherungsmöglichkeiten. In der Rißspur hingen Knotenschlingen, wie das nur im Elbsandstein11 üblich ist. Das diese Knotenschlingen uralt waren, erkannte ich an ihrer Struktur. Spiralgeflochtene Kunststoffschnüre. Solche Schnüre waren 1935 von DuPont entwickelt worden, auch das passte gut ins Bild. Fritz Wiessner leitete eine Chemiefirma in New York City. Es liegt also nahe, dass er diesem neuen Material gegenüber aufgeschlossen war, und es an diesem Riss testen wollte. Für den Testzweck spricht auch, dass die Schlingen recht eng beieinander lagen, und nach dem Klettern nicht entfernt worden waren. Offensichtlich sollte hier nicht nur die Haltekraft der Schlingen erprobt werden, sondern auch ihre Belastbarkeit im Verlauf ihrer Lebensdauer.
Das die uralten spiralgeflochtenen Knotenschlingen, die in diesem Riss zurückgelassen worden sind, im Jahr 2003 noch einen Sturz gehalten hätten, darf bezweifelt werden. Trotzdem haben wir sie benutzt und anschließend nicht entfernt.
Die Zweifel, die ich bekam, waren denn auch ganz anderer Art. Mir wurde bewusst, dass ich mich entscheiden musste. Wollte ich die Tour so klettern wie Wiessner es getan hatte, müsste ich die Schlingen entfernen, und durch neuere ersetzen. Das erschien mir aber nicht richtig. Die Geschichte musste schließlich überprüfbar bleiben, selbst wenn sich dabei irgendwann herausstellen sollte, dass es nicht Wiessners Schlingen waren. Ließ ich die Schlingen aber in diesen guten Klemmstellen liegen, musste ich die nächstbesten Klemmstellen, die Wiessner gegriffen hatte für meine Klemmkeile opfern, und andere noch einmal schlechtere Fingerklemmer und Griffe benutzen. Wir berieten eine Weile unsere Vorgehensweise und entschieden uns dann für einen on sight Versuch, was bedeutete, dass wir die Schlingen ließen, wo sie waren.
Der kleine Riss war schnell durchstiegen. Wir waren glücklich und fühlten uns unserem Idol endlich auf eine Weise nahe, die kein Internetwissen erzeugen kann. Und das wird auch so bleiben, wenn jemand herausbekommen sollte, dass Fritz Wiessner nie an diesem Riss geklettert war.
Aber das glaube ich nicht ;o)
(1) Fritz Wießner bis zur Auswanderung 1929, dann in den Vereinigten Staaten Fritz Wiessner
(2) Der nächste Kletterführer erschien erst 1985 und hatte bereits drei Bände.
(3) Bernd Arnold, bedeutendster Erstbegeher in der Sächsischen Schweiz der 70er und 80er Jahre, u.a. der Superlative IXc (27.05.1977) und der Direkten Superlative IXc (11.05.1979)
(4) Die Wießner-Risse am Großen Spitzen Horn und am Frienstein auf die sich der Autor bezieht sind mit VIIc (UIAA 6+) bewertet.
(5) Schiefer Turm, Alter Weg VI, erstbegangen von Oliver Perry-Smith 1905
(6) Die Shawangunks oder kurz Gunks sind eines der bekanntesten Klettergebiete Nordamerikas. Sie befinden sich nahe der Stadt New Paltz in Orange County im Staat New York
(7) Erstbegehungen müssen in der Sächsischen Schweiz von unten erfolgen. Ein vorheriges Erkunden oder gar probieren ist nicht erlaubt. Dazu gibt es strenge Regeln wie und in welchem Abstand feste Sicherungspunkte (Ringe) angebracht werden dürfen. Darüber hinaus gelten noch viele andere Kletterregeln, die natürlich auch bei Erstbegehungen beachtet werden müssen.
(8) UIAA, Union Internationale des Associations d’Alpinisme, internationale Vereinigung verschiedener Alpinclubs, eine der wichtigsten Aufgaben war die Einführung und Überwachung von Sicherheitsstandards für Kletterausrüstung
(9) Die Strecke New York City – New Paltz ist ca. 80 – 90 Meilen lang. Man kann davon ausgehen, dass Wiessner mindestens drei Stunden dafür brauchte.
(10) Breakneck Ridge ist ein felsreicher Gebirgszug entlang des Hudson River zwischen Beacon und Cold Spring im Staat New York
(11) üblich ist im Elbsandsteingebirge nur die Absicherung mit Knotenschlingen, das Hängenlassen der Schlingen dagegen nicht




